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Heldenflucht

08 Sep

… ich bin wieder weg!

Ich und meine Busbekannschaften. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es an mir liegt. Ich meine, ich weiß, dass es an mir liegt. Irgendwas habe ich an mir, dass Leute sich automatisch an mich halten, wenn sie mich sehen. Vorzugsweise Mittfünziger mit Bierbauch.
Oder vielleicht passiert es auch nur dann, wenn ich denke: Wird bestimmt eine langweilige Fahrt.
Denn genau dann fängt der Spaß erst richtig an. 

Ich sitze ganz vorn, habs mir bequem gemacht. Meine gepolsterten Tüten stehen neben mir, auf denen werde ich dann nackenschmerzfrei schlafen, alles wunderbar. Musik läuft, Akku müsste irgendwann mal aufgeladen werden, aber das wird schon. Buch ist auch zur Hand, in einer süßen kleinen Stofftüte. Kekse im Überfluss. Ich freu mich. Wird eine schöne Fahrt. Vielleicht etwas langweilig.
Und genau in dem Moment beugt sich der Dicke von den beiden linken Sitzen zu mir rüber: „NA?! Du kommst aber auch nicht von hier, oder? Ich höre doch da einen süßen, kleinen Akzent raus.“
Vor Schreck lasse ich meinen Keks fallen. Häääää?!
Was will der denn? Ich spreche Hochdeutsch, das ist das klarste und akzentfreieste Deutsch, dass es auf der Welt gibt, und wann hat der mich denn bitte reden gehört?!
Und das sage ich ihm so auch.
Er wundert sich noch 5 Minuten über den kleinen, süßen (whaaaaaat?!?!?!) Einschlag, den er meint hören zu können, dann stecke ich mir demonstrativ die Kopfhörer in die Ohren.
Neun Stunden Busfahrt mit dem Vogel?!
Bis nach Brüssel ist aber alles gut, und ich wage leicht zu hoffen,… und ich bin einfach blöd. Denn das Schicksal, oder der der mir auflauert, wartet ja immer genau auf diese schwachen Momente um mir dann richtig eins auszuwischen. Brüssel also. Ein indisches Mädchen steigt dazu, bleibt hinter mir stehen. Ich weiß ganz genau, was jetzt kommt. Sie fragt, ob der Sitz neben mir frei ist.
Eh… nein?! Da stehen meine Taschen? Meine Schlaftaschen? Das schlafe ich drauf, ohne Nackenschmerzen?!
Ich sehe sie an, gucke in den Gang. Überall ein Platz frei. Ich gucke sie nochmal an und dann vielsagend in den Gang. Sie rührt sich nicht.
Also nehme ich die Taschen leise vor mich hinweinend vom Sitz und vor meine Füße. Dickwanst neben mir, der keine Taschen hat, sagt gar nichts. Arsch!
„Aber du musst doch deine Taschen da nicht so vor dich hinpacken. Hier ist auch viel Platz.“
Ich versuche ihm zu erklären, dass ich meine Taschen hier bei mir behalte und eigentlich da drauf schlafen wollte.
„Na, du kannst dich auch gerne neben mich hinsetzen.“
Witzbold denke ich, und wie soll ich da besser schlafen als hier. Ich sehe ihn an, während er mich vielsagend angrinst, die Arme verschränkt und mit einem Zwinkern an seine Schulter deutet. Ich möchte ihn mit irgendwas bewerfen…
Das indische Mädchen neben mir holt nach und nach Medizinlehrmaterial raus und verrenkt sich auf ihrem Sitz bis sie halb sitzend, halb liegend anfängt sich Notizen zu machen. Hätte sie das nicht auch auf einem anderen Platz machen können? Ich brüte vor mich hin, bis mir irgendwann ihre Hand leblos in den Schoß fällt. Ich erstarre und versuche auszumachen, ob sie jetzt gestorben ist. Toll! Stirbt die einfach neben mir. Kann die das nicht woanders machen?
Vielleicht hat sie sich auch umgebracht und wollte das neben jemanden tun, der sie dann schnell findet. Die Arme kam vielleicht mit ihren Eltern nicht klar. Oder dem Studium.
Ich mache mir tatsächlich kurzzeitig Sorgen um sie, bis ich merke, dass sie doch nur eingeschlafen ist. Toll…
Sie wacht aber pünktlich auf, als wir am Eurotunnel ankommen. Da ist ein richtiger Tunnel, mit dem man von Frankreich nach England rüberfahren kann!
Das wusste ich gar nicht. Also ich habe mal Geschichten gehört, klar, aber ich dachte, dass wären bloß Lügengeschichten gewesen. Weil, hallo?! Wir sind doch nicht bei Jules Verne, es gibt doch keine Tunnel durchs Meer! Aber offensichtlich dann doch. Ich weiß gar nicht, ob ich durch diesen Tunnel will. Das ist mir gar nicht so geheuer. Ich möchte lieber mit einem Schiff fahren, das fände ich schöner. Geht das bitte?
Der französische Polizist, dem ich das versuche verständlich zu machen, gibt mir wortlos meinen Pass wieder und ignoriert mich. Wie unfreundlich, diese Franzosen. Ich trolle mich von dannen und versuche mein Glück bei der englischen Polizistin, die meinen Pass auch kontrolliert.
Eine Viertel Stunde später sieht es immer noch so aus, als ob wir durch den Tunnel müssen. Die Waggons sehen aus wie Gefangenabtransporte. Ich bin nicht begeistert.
Noch weniger begeistert bin ich, als sich Dickwanst beim Einsteigen in den Bus plötzlich nach vorne beugt und mir seinen Hintern entgegenstreckt. Fünf Minuten lang.
Irgendwann richtet er sich wieder auf: „Oh? Ich dachte du kraulst mir jetzt den Nacken. Kannst du gerne machen!“
Ich versuche mich zu überwinden, ihn zu treten. Ich denke mir, wenn ich ihn jetzt nicht aus dem Weg räume, bin ich doch selber Schuld, oder? Aber vielleicht passiert das ja eh gleich im Tunnel und dann sind wir alle tot. Das erheitert mich dann doch ein wenig.
Die Fahrt ist übrigens eine Tortur, es ist stickig und es wird immer wärmer, wie bei einem Gefangentransport (!!!). Es gibt zwar Fenster, aber ist ja im Tunnel, da sieht man nichts. Ich steige trotzdem nochmal raus, in der Hoffnung, dass die Luft etwas besser wird. Dickwanst auch. Er stellt sich neben mich und erzählt mir seine Lebensgeschichte.
Wir haben Empfang im Tunnel. Ich wünschte mich würde jetzt jemand anrufen.
Er erzählt mir von seinem Burn-out und seinen Autos.
„Und wenn ich dann mit meinen Jungs rausfahre, bleiben die Frauen zu Hause. Also meine würde zu Hause bleiben, wenn ich eine hätte. Ich hab aber gerade keine. Aber wenn, würde sie zu Hause bleiben.“
Eigentlich ist er ja schon ein armer Kerl. Ganz allein, kein Urlaub, nur Arbeit. Irgendwie tut er mir Leid.
„Aber du, als Hannoveranerin bist ja schon ziemlich klein. Ich war mal in Celle und die Frauen da, die waren groß und wir waren da ja bei „Showdamen“, hehehe.“
Und da ist es auch schon wieder vorbei mit dem Mitleid.
„Wenn du einsam bist, kannst du mir auch gerne mal über Facebook schreiben. Mein Name ist (Zensur), du findest mich ganz leicht.“
Vielleicht könnte ich jemanden anrufen? Kommt das blöd? Oder ich geh einfach weg.
„Oh! Hat der Fahrer die Klimaanlage angemacht? Ich geh mal schauen“, sage ich und will in den Bus. Als ich aber von der Hitzewelle erschlagen werde, hat sich das dann auch wieder erledigt. Und ich bin wieder da, wo ich keine Minute vorher auch wieder stand. Ich gucke etwas bedrückt in die Gegend, irgendwo quietscht es.
„Hast Du Angst?“, er kommt näher. „Musst du nicht. Wenn hier das Wasser reinkommt sind wir eh in 5 Minuten alle tot.“
Ich starre ihn an: „Aha? Das ist-, eh-, unglaublich beruhigend. Danke.“
Er legt mir den Kopf an die Schulter und grinst mich an: „Bitteschön.“
Ich will ihn verprügeln- kann aber nicht. Scheißerziehung! Hat mir im Leben nichts als Ärger gemacht. Nichts anderes! Sollte ich irgendwann selber Knöpfe in die Welt setzen, kriegen sie von mir eine Kampfausbildung, damit sie im Zweifel zuschlagen können. Mehr nicht. Mit Höflichkeit kommt man einfach nicht weiter im Leben…
Und warum ruft mich meine Mama nicht an, die ruft doch sonst alle 5 Minuten an, warum nicht jetzt?!?! Verdammte Axt. Ich gehe dezent einen Schritt zur Seite und checke mal schnell mein Handy, während Dickwanst irgendeinen Witz reißt.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen wir dann aber doch an und sind eine Stunde später auch schon in London. Ab da trennen sich unsere Wege. Und ich darf in den nächsten überfüllten Bus steigen, der mich endlich nach Edinburgh fährt. Und jetzt bin ich da. Ohne Mord, ohne Strafanzeige.

Jetzt fehlt wahrscheinlich noch eine Lehre, die ich daraus mitgenommen habe. Tja, hm… sofort zuschlagen? Oder… Polnisch lernen und so tun, als ob ich niemanden verstehe. Das wäre doch schön. Oh! Immer genug Akku auf dem MP3-Player. Ganz wichtig. Und Tape! Das kann nie schaden.

So viel erst mal von mir.

Alles Liebe,
Eure Regina

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Verfasst von - September 8, 2014 in Geblubber, Reise

 

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